Dein Wortschatz ist dein Outfit

Wie spricht man heutzutage untereinander? Welcher Mund entsteht? Welche Ohren entstehen? Wie sieht man aus, weil man so spricht, wie man spricht? Ich als Sprach- und Sprechakademikerin beschäftige mich mit diesem Thema seit meiner Zwischenprüfung zum Mutismus und zum Selbstkonzept - die Schweige-"krankheit", die verursacht, dass man einen Menschen gar nicht mehr im Wohlbefinden einschätzen kann. Ein immer schweigender Mensch blickt anders in die Welt, als ein immerzu sprachlich aktiver Mensch. Ein schweigender Mensch hat größere Augen, als ob er sich gleich verschluckt, sein Hals ist wie blockiert und zugeschnürt. Gleichzeitig hat ein schweigender Mensch ein sanftes Gesicht, weil viel Geduld notwendig ist, um niemals etwas zu sagen. Vielleicht ist ein schweigender Mensch sogar schlanker, als ein immerzu redender Mensch. Denn es ist für das Idealgewicht nichts Schlechtes, zu ruhen und sich zu verstecken: Keine Verpflichtung an Mahlzeiten teilzunehmen. 

Aber wenn man nichts sagt, dann kann man auch nicht zeigen, wie intelligent man ist. Und das ist doch das wichtigste, um glücklich zu sein, perfekte Bildung und Arbeit zu erhalten. Denn alle Wörter, die man kennt und korrekt benutzen kann, werden zu Geld, zu Gruppen, zu Lebensqualität. Menschen, die die selben Wörter und Sätze benutzen, ziehen sich an wie Magneten. Sie fließen zusammen, haben gemeinsam Spaß am Leben, finden gemeinsam immer wieder Motivation, am Leben teilzunehmen. Menschen, die nicht die selben Wörter und Sätze benutzen, finden hingegen selten zusammen. Sie haben einfach nicht die selben Interessen - und Diskussionen enden oft im Streit. 

In jeder Schulklasse und in jedem Studiensemester lernt man eine neue Anzahl von Wörtern zu gebrauchen. Die Gehirne der Lernenden werden sich immer ähnlicher, weil sie die selbe Fachsprache benutzen, um später damit Geld zu verdienen. Wer am meisten Wörter gelernt hat und korrekt benutzen kann, ist am intelligentesten von allen. Diese Personen werden in dieser Gesellschaft als Führungskräfte bezeichnet. Das ist schon auch sinnvoll so, denn Führungskräfte können am meisten Überzeugungsarbeit leisten, weil sie am meisten reden können. Sie kämpfen sich am leichtesten durch, um die Projektplanung zu bestimmen, weil ihnen am meisten zum Thema einfällt, was man weiter verwenden kann. Führungskräfte haben also ein stolzes Aussehen, denn sie binden viele ähnliche Menschen an sich und erhalten viel Bestätigung. Ob es wichtig ist, welche Kleidung man wählt, um den richtigen IQ zu zeigen, damit man nur soviel Verantwortung tragen muss, wie man auch leisten kann -  das ist natürlich eine interessante Frage. Arbeitskleidung, Schuluniform, Militärstreifen auf der Schulter. Alles abhängig vom IQ der einzelnen Menschen? Oder sollen alle Schülerinnen oder Schüler gleich intelligent sein, damit der Schulbetrieb nicht zusammen bricht? Das Image einer Person wird durch die Sprache bestimmt, die der Person zu äußern erlaubt ist. Meiner neuesten Erfahrung nach kann man das Aussehen einer Person über Sprechverbote und Sprechaufforderung, die nicht im eigenen Interesse der Person ist, sehr zum schlechten verändern. Das ist mir gerade ein bisschen passiert. Obwohl ich Sprach- und Sprechtrainierin bin, sehe ich nicht so hübsch aus, wie ich eigentlich aussehen würde, wenn ich mich nicht an die Verbote anderer Menschen halten müsste. 

Deswegen ist es schwierig, die Schweige-"Krankheit" wegzutrainieren. Die Verantwortung, die man für Menschen trägt -  nämlich dass sie immer den korrekten IQ zeigen - kann durch falsches Sprach- und Sprechtraining zu einem furchtbaren Äußeren führen. Denn Intelligenz kann man mit vielen komplizierten Wörtern, die man von klugen Menschen aufgeschnappt hat, auch ein bisschen faken.  Schaden sollte sich niemand mit der getragenen Kleidung und auch nicht mit dem genutzten Wortschatz.


(Arbeitsprobe für "Wissen macht Ah!", ARD)