Energie und Täuschung

Ich suche wieder. Ich suche alles wieder. Ich warte wieder. Ich warte auf alles wieder. Mein ganzes Leben ist durchgeplant, genauso wie das Leben aller anderen Menschen: Krippe, Kindergarten, Grundschule, Mittelstufe, Oberstufe, Studium - in meinem Fall bis zur Superhabilitation - dieses mal in Wissenskommunikation, entsprechend hoch die Semesterzahl und die Fächeranzahl. Ich muss zum Radio, dort arbeite ich natürlicherweise als ausgebildete Sprecherin und Autorin in interdisziplinären Ressorts am besten, am logischsten, am nützlichsten - der Anschluss ist eindeutig gesetzt. Ich bin Radiojournalistin und Hörspielexpertin. Alle wissen es. Wo bleibt der Job? Ach ja, der war schon da. Beiträge schon im Radio gelaufen. Gut, wissen viele. Warum meldet sich niemand bei mir? Warum sagt niemand etwas dazu, wenn es alle wissen? Warum hören Sie im Radio meine Musik, meine Vertretersprechstimme für die KollegInnen, die solche Leistungen nicht erbringen können? Wo bleibt der Arbeitsvertrag? Wo bleibt die Wohnung? Das Haus? Das Auto? Der Kollegen*- und Freundeskreis? Wo bleibt mein Spaß im Leben? Mein Glück? Meine Liebe? Ich suche das alles. Weil ich mir all das schon längst verdient habe. Weil ich mir all das längst erarbeitet habe. Wer sind die intriganten, bösen Blockierer, die hier verhindern, dass mein Körper sich voll entfalten kann zu dem, was sie wirklich ist? Wie lange soll ich ohne das richtige Gehalt am Leben bleiben können? Mein Netzwerk ist riesig. Man kennt mich und meine Fähigkeiten sehr genau. Ich muss zusehen, wie Menschen mein Netzwerk missbrauchen, als wäre es das ihre. Ich muss mir anhören, dass ich keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätte. Wie sollte das so sein? Ich habe mein Leben genauso geplant, wie jede andere Hochschulabsolventin. Genauso muss es bei mir funktionieren. Ich verzichte nicht auf die Zukunft, die ich mir hier erarbeitet habe. Ich bin höher qualifiziert als alle andere Frauen in meinem Fachbereich. Wie sollte es sein, dass ich keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe? Immer wieder muss ich beginnen, als wäre ich bei Null. Das muss niemand außer mir. Alle anderen werden entlang ihrer Lebenslinien geleitet - nur ich nicht. Ich bin außer mir vor Tränenwut. Aber bleibe dennoch professionell und vertraue dem Ökosystem und bin weiterhin ganz und gar supergenial.